Bevor ich die versprochene Fortsetzung des letzten Blogeintrags schreibe, muss ich mich erst einmal dafür entschuldigen, dass ich in den vergangenen zweieinhalb Wochen nichts von mir hören lassen habe. Es gibt aber auch einen guten Grund: Die letzten Wochen waren so turbulent, dass ich nie wusste, ob das, was ich in mein Blog* schreibe, nicht am nächsten Tag schon wieder überholt sein würde. Jetzt ist zum Glück etwas Ruhe eingekehrt und ich habe Zeit, die Gedanken in meinem Kopf zu ordnen und aufzuschreiben.
Das Vorstellungsgespräch für den Verkäuferjob lief echt gut, aber ich will mich damit nicht allzu lange aufhalten, denn wie gesagt: Das ist schon lange wieder Schnee von gestern. Ich bekam die Stelle und sollte am darauffolgenden Montag anfangen. Einen richtigen Arbeitsvertrag gab es nicht, nur ein Formular, auf dem ich meine Kontaktdaten und meine Bankverbindung angeben sollte. Die Bezahlung wurde mündlich vereinbart. Ein bisschen Smalltalk, ein paar Komplimente, Händeschütteln, und das war’s. See ya!
Der Montag kam und damit mein erster Arbeitstag. Schon nach zwei Stunden war mir klar, dass dieser Job kein Zuckerschlecken ist. Man steht neun Stunden täglich in einem Kaufhaus direkt unter der Klimaanlage, was es unangenehm kühl macht, und spricht die vorbeilaufenden Leute an. Ich habe nicht mitgezählt, wie viele Personen ich an diesem Tag angequatscht habe, aber es müssen hunderte gewesen sein. Schätzungsweise 95 Prozent der Passanten blieben gar nicht erst stehen. Es waren entweder gehetzte Workaholics, die ihren ohnehin schon schnellen Schritt noch einmal beschleunigten, wenn sie in die Nähe unseres Stands kamen, oder Shopaholics, die nur mit dem Kopf schüttelten, „I’m in a hurry, sorry!“ riefen und geschwind im nächsten Geschäft verschwanden, oder jegliche andere Form von –aholics, aber jedenfalls – sehr zu meinem Bedauern – keine Skin-Care-Aholics.
Die verbleibenden fünf Prozent waren unsere Zielgruppe, größtenteils bestehend aus Frauen zwischen 20 und 50. Die Jüngeren hätten nicht genug Geld, wurde mir gesagt. Wen wundert’s, die billigste Creme kostet ja auch nur schlappe 140 Dollar! Bei den Älteren wäre sowieso alles zu spät. Inder seien tabu, meinte meine Chefin, die würden sich nur die Präsentation anhören, brav nicken, „Ah!“ und „Oh!“ sagen und trotzdem nie und nimmer etwas kaufen, viel zu geizig, die Typen! Chinesinnen wären perfekt, meist wohlhabend und mit einem locker sitzenden Geldbeutel.
Wenn die angesprochene Person tatsächlich stehen blieb, musste man sie dazu bewegen, doch bitte für ein paar Minuten Platz zu nehmen und sich dieses tolle neue Produkt anzusehen. Wenn auch diese Hürde genommen war, fing man an, dem potenziellen Kunden eine Kostprobe der Creme auf den Handrücken aufzutragen und einzumassieren, während man gleichzeitig über die Vorzüge des Produkts schwadronierte. So weit, so gut. Früher oder später musste man natürlich den Preis offenbaren, und da hörte der Spaß meistens auf. Ich sah Kunden, die plötzlich die Kontrolle über ihre Gesichtsmuskeln verloren, welche, die auf einmal großes Interesse an der Tierhandlung gegenüber zeigten und verschwanden und solche, die ihre Haut – jetzt, da sie so darüber nachdenken - eigentlich doch ganz schön fanden. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe an diesem Tag mehrere hundert Passanten angesprochen, ungefähr fünfzehn Präsentationen gehabt und genau zwei Cremes verkauft. Ich war trotzdem ganz zufrieden mit mir. Für den ersten Tag sei das sehr gut, sagte auch meine Chefin. Morgen wird es noch besser, versicherte sie mir.
*An alle Besserwisser: Es heißt nicht „der Blog“, sondern „das Blog“, deshalb ist tatsächlich „in MEIN Blog“ die richtige Form - und nicht „in MEINEN Blog“.
Ja, ich bin ein Besserwisser, aber ich muss dich doch auf einen kleinen Irrtum hinweisen: "der Blog" hat "das Blog" schon abgelöst. Und ich denke da fuehrt auch kein Weg zurueck. Aber lies selbst:
AntwortenLöschenhttp://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachgebrauch/2011-08-25/das-blog-ist-tot-es-lebe-der-blog
Sehr interessanter Artikel, Christian. Danke dafür. Dann werde ich wohl meinen Sprachgebrauch ändern müssen ;)
AntwortenLöschen